(p.182) Weil fast alle weißen Störche innerhalb der Menschen- Siedlungen horsten, auf Dächern von Bauernhäusern und Scheunen, auf Kirchen, Türmen und Schornsteinen, nennt man Meister Adebar im Gegensatz zum schwarzen Storch, der die Wälder bewohnt, mit guten Recht den Hausstorch. Er hat sich seit Jahrhunderten dem Menschen angeschlossen, der fröhlich klappernde, rotbestrumpfte Held der Kindermärchen und unzähliger Volkssagen! Jeder Bauer ist überzeugt von der Anhänglichkeit ‘seines’ Storchenpaares rund erklärt stolz, dass die beiden Vögel genau die großen und kleinen Menschen des Hofes kennen, auch alle dort lebenden Haustiere. »Nie fühlen sie sich durch uns gestört; aber jedem Fremden weichen sie mißtrauisch aus.« Man behauptet auch, die Störche lebten in treuer Einehe. Von den Forschern der Gegenwart ist jedoch festgestellt worden, dass man nur von einer ‘Ortsehe’ sprechen kann. Außerhalb der Brutzeit, während des Südlandflugs und im afrikanischen Winterquartiere, haben die Storchengatten keinerlei Gemeinschaft. Nur wenn sie beide zum alten Nest zurückfinden (was seltner geschieht als man annimmt),
(p.183) wirt auch im neuen Jahr zusammengelebt. Beim Storch lassen sich die Verhaltensweisen besonders genau feststellen; der Erkennungsring, der ihm in der Jugend vom Mitarbeiter einer Vogelwarte ums Bein gelegt wurde, ist im Gegensatz zum winzigen Schwalbenringchen 4 cm lang, so dass also mit dem Fernglas die eingestanzte Nummer einwandfrei abgelesen werden kann. Es gehört darum wohl zu den gefühlsbetonten Vermenschlichungen, wenn wir in dem einsam auf seinem Nest stehenden Storch einen Witwer sehen, der die verunglückte Gattin betrauert und – immer noch hoffend – die luftige Wohnung gegen ein zudringliches Liebespärchen verteidigt. Hinreißend schön erscheint uns der Storchenflug. Während die Kleinvögel meist mit schnellen Flügelschlägen durch den Luftraum rudern, schwebt und kurvt der Storch fast spielerisch dahin. Professor Konrad Guenther führt in seiner vortrefflichen Schrift ‘Der Vogelzug’ aus: »Es ist geradezu fesselnd, zuzusehen, wie sich der segelnde Storch bald schräg, bald gerade von der Luft vorwärtsbewegen lässt, nur indem er sich richtig zum Wind einstellt. Die Federn können sich waagrecht und ganz dicht aneinanderlegen, dann ist die Fläche geschlossen, oder sie heben sich, und nun streicht die Luft zwischen ihnen hindurch.« 1934 wurden in Europa 45 000 Storchpaar gezählt. 20 Jahre später konnte in der Schweiz, in Belgien und Frankreich überhaupt keine Freibrut festgestellt werden, und auch bei uns verschwindet mehr und mehr der Storch. Man vermutet die Hauptursache in der planmäßigen Trockenlegung der Sumpfwiesen, wodurch die Störche nicht genügend Reptilien, Amphibien, Krebse und Insekten finden können. Aber andere Gründe sind entscheidender. Professor Schätz(Vogelwarte Radolfzell) spricht von der zunehmenden ‘Verdrahtung’ der Landschaft; die vielen Hochspannungsleistungen und Antennen werden besonders dem unerfahrenen Jungstorch zum tödlichen Verhängnis. In manchen südeuropäischen Ländern knallen verantwortungslose Jäger die Störche während der Zugreisen aus der Luft herunter. Zudem bringt ihnen Afrika jetzt erhöhte Gefahr durch die chemische Hauschreckenbekämpfung, durch klimatisch schlechte Winter.
*pic 194 die Störchin wendet mit dem Schnabel geschickt die Eier; der Storch bessert das Nest aus.
*pic 195-197 drei Jungstörche! Man merkt es an den Schnäbeln, die noch nicht ihre volle Länge haben. Aber die Schwingen werden schon erprobt. Links daneben; mutig, wenn auch noch etwas verkrampft, schwingt sich der Jungstorch über den Nestrand zum ersten Ausflug in den Luftraum. Seine Geschwister werden ihm bald folgen. Unten geht er im Sturzflug zur Wiese, holt Nahrung für die schlafenden Kinder. Auf dem untern Bild sind sie schon bald flügge.