(p.143)Als ‘Freund aller Tiere’ muss ich kritisch, aber objektiv gerecht über das Wesen der Schafe aussagen. Man kann leider nicht verschweigen, dass unsere Hausschafe weder besonders klug noch temperamentvoll sind. Der Mensch hat ihnen alle Wildtier-Eigenschaften weggezüchtet; er verwandelte die kühnen, wendigen Bergtiere in stumpfe Nutzgeschöpfe – aus Egoismus. Ich meine, wir, die Treuhänder der Tierwelt, können auf dieses Zuchtergebnis nicht stolz sein, und ich bin sogar auf Alfred Brehm böse, der, statt die Menschheit darob anzuklagen,
(p.144)die Schafsnatur schmäht. Sein Werturteil vermenschlicht zudem arg: »Die Fruchtsamkeit des Hausschafes ist lächerlich, seine Feigheit erbärmlich. Ein knechtisches, willenloses Geschöpf mit geistiger Beschränktheit, wie sie bei keiner anderen Haustierart vorkommt.« Man könnte mit viel mehr Recht die uns so tendenziös sympathische, unerschütterliche Geduld der Schafe rühmen: ich jedenfalls bin stark beeindruckt, wenn ich sehe, wie geduldig, ohne die geringste Abwehr, sogar ein Schafbock das gewiss nicht peinliche Erlebnis der Schur über sich ergehen lässt. Und – was die blökende Schafherde betrifft, die bedingungslos dem Leithammel folgt, so gibt es viele Wildtier-Arten, die als Rudelwesen genau so dem führenden Vordermann folgen, durch Lautsignale den Zusammenhalt bei den Wanderungen sichern. Schaut überdies zum Sommerhimmel auf, Ihr Verneiner! Schön und in langer Reihe ziehen dort die Lämmerwölkchen dahin! Gesteht auch ein, dass in der Dichtkunst aller Zeiten die Schilderung der ländlichen Idylle nicht denkbar ist ohne das Sinnbild der friedlich weidenden Schafe und des ‘Guten Hirten’ mit seinem klugen, trauen Hütehund.
*pic 146 Leider geht bei uns die Schafhaltung stetig und unvermeidbar zurück. 1865 hatten wir 30 Millionen Schafe in Deutschland, um 1930 ungefähr 4 Millionen, und 1955 meldet Bayern, das schafreichste Land im Bundesgebiet, nur noch etwa 300 000 Schafe. 2⁄3 der süddeutschen Bestände gehören Schafhaltern, die nicht genügend Landbesitz haben und daher gezwungen sind, räumlich oft weitab gelegene (bis zu 500 km) Weideplätze zu pachten. Auch jetzt wird meist noch zu Fuß gewandert, täglich 15-18 km. Jahrhundertealte Erfahrungen schufen die ‘nahrhaften’ Wanderstraßen, meist von Ost nach West, durch Württemberg, Baden und Rheinpfalz. Früher zogen die süddeutschen Schafherden bis nach Paris, auch nordwärts über Sachsen nach Berlin. Die großen, jährlichen Wanderrungen hin und zurück stoßen bei der allgemeinen Verkehrssteigerung der Gegenwart auf erhebliche Schwierigkeiten; der Wanderverkehr wird auch durch verschärfte veterinärpolizeiliche Impf- und andere Vorschriften (wegen der Seuchenzüge) behindert. Die Schafweiden verringern sich durch Urbarmachung der Ödländereien, durch Siedlungsbauten, Flurbereinigung, Aufforstung u.a.m. Kein Zweifel, die Wanderschäferei muss sich umstellen, sesshafter werden. In Norddeutschland überwiegen sowieso Gutschäferei und Einzelhaltung, während im Süden wohl auch jetzt noch bis zu 55% gewandert wird, sogar 88% in Württemberg. Früher sprach man vom ‘goldenen Tritt der Schafe’, der die im Boden lebenden Schmarotzer-Insekten und ihre Brut vernichtet; man nannte eine Schafherde die beste Wiesenwalze und wusste, dass die Wolltiere unzählige Unkräuter vernichten. Aber noch grüßt der Schäfer mit der Schippe; noch bellt pflichteifrig der Hütehund, und bei jeder Witterung ziehen Schafherden über die Flur.