(p.109)Auch hier ist eine Dreigliederung. Oben steht das orientalische Vollblut, das mutmaßlich aus dem nordöstlichen Afrika (vielleicht auch aus Innerasien) stammt und seit dem 7. nachchristlichen Jahrhundert (also weit über 1000Jahre) reinblütig gezüchtet wird, hauptsächlich von den arabischen Beduinen. Einwandfrei echte Araberpferde werden züchterisch mit ox bezeichnet. Um 1700 kamen 3 solche Hengste und etliche Stuten nach England; sie wurden in die leistungsfähigsten, einheimischen Rassen eingekreuzt. Daraus entstand das englische Vollblut (xx), mit dem erst die großen sportlichen Wettrennen möglich wurden. Auch heute muss für jedes englische Vollblutpferd lückenlos die Abstammung von einem jener 3 arabischen Urväter (unter denen wahrscheinlich ein Berber-Ross war) nachgewiesen werden. Die letzte Vollblüter-Gruppe ist der Angelo- Araber (x); er kommt aus der Vereinigung der beiden ersteren. Die Geschichte des arabischen Vollblut hängt eng mit dem Propheten Mohammed zusammen. Vor seiner Zeit ritten die Araber wohl meist auf Dromedaren; er, der Pferde- Fanatiker, soll im Jahre 622 bei seiner Flicht von Mekka nach Medina 95 Araberstuten mitgenommen haben. Nur 5 von ihnen erreichten das Ziel, und als Stammmütter aller Vollblut-Araber. Binding sagt: »Diese Rosse rannten als die geschworenen Renner – auf Leben und Tod. Damit kommen wir zur ersten Tugend der arabischen Pferde: Schnelligkeit und Ausdauer; sie wird ergänzt durch die Futter-Genügsamkeit. Eine Handvoll Datteln reicht ihnen in Tagen der Not. Ihre robuste Gesundheit verträgt den glühheißen
(p.111)Sandwind und die kalten Wüstennächte; sie sind klimatisch besonders anpassungsfähig und haben eine lange Lebensdauer, erreichen im Gegensatz zu unseren Warmblütern 30-35 Jahre. Zu rühmen sind ferner ihre Fruchtbarkeit und, bei allem Temperament, der sanftmütige Charakter, die Zahmheit. (Erbgut aus der Zeltkameradschaft der Wüste.) Ich war im Araber-Gestüt Achental wenige Stunden bei Mutter und Kind in der Box, konnte, obwohl mich die Araberstute kaum kannte, unbesorgt die beiden Tiere streicheln. Ein noch nicht schulpflichtiges Kind ging dort ganz selbstverständlich zum frei im Stall stehenden, höchst temperamentvollen Zuchthengst. Aber das Bezwingendste für jeden Tierfreund ist die Schönheit des Vollblut- Arabers, die kraftvoll- anmutige Harmonie seiner Körperlichkeit. Menschenworte können sie ausschöpfen! Es gehört zum Glückhaften meines Lebens, dass ich schon in der Kindheit unmittelbare Bekanntschaft mit Arabern durfte, im Württembergischen Krongestüt Weil, von wo übrigens die deutsche Vollblut-Araberzucht vor etwa 100 Jahren ihren Ausgang nahm. Ich sah in Weil zum erstenmal den seltsamen Milchbart arabischen Saugfohlens, ging später im polnischen Staatsgestüt von einer Kinderstube zur anderen und verlebte herzerquickende Tage in Bábolna, der weltberühmten ungarischen Hochburg’’ reiner Araberzucht. Unvergesslich, als wir draußen auf der Koppel die lichten Mutterstuten besuchten mit ihren grauen, braunen, gar schwärzlichen Fohlen. (Nur Albinos kommen als Schimmel zur Welt; alle anderen färben erst nach Jahren zu Weiß um.) Der Chef in Bábolna führte mir seine fuchsfarbenen, hellen und kohlrabenschwarzen, verhältnismäßig kleinen Zuchthengste im Schmuck des orientalischen Zaumzeugs vor: Golddrahtfäden blitzten in der Sonne, Perlen und Vogelfederchen; aus farbiger Wolle waren manche Halfter geflochten, klingelnde Silbernesteln sah ich und Schabracken aus purpurrotem Seiden Gespinst! Die Märchenwelt des Orients leuchtete; Dank auch heute für diesen Festtag. Und doch: vielleicht ist mir das Einmalige des Vollblut-Arabers noch begreiflicher geworden, als uns Frau Gertraute Griesbach, die Besitzern des Gestütes Achental, erstmals ihre 34 Araber vorstellte. Wir Menschen drücken uns an die Holz-Außenwand des Stalls, schutzsuchend vor dem Sturm, der uns mit Eisschnee peitschte. Die subtropischen, wetterharten Vollblut-Araber jedoch
(p.112)schritten unbekümmert im Kreis der Hofkoppel, ließen sich dann allerdings nicht nach Menschenwunsch in einer Reihe ausrichten mit den Köpfen zu uns. Sie drehten instinktiv ihre Hinterfronten in den kalten Graupelwind und standen nun – reglos wie Steinmonumente. Ja, so begann meine Bekanntschaft mit den Arabern im Chiemgau. Wir sahen uns inzwischen zu jeder Jahreszeit, und ich lernte vieles dabei: man darf diese edlen Rosse nicht anschreien oder schlagen, soll sie auch nicht anstarren. Aber nie sträuben sie sich gegen das Sattelauflegen, und die Fohlen mögen es, wenn man mit ihnen auf der Koppel Fangspiele macht; auch mansche Stute beteiligt sich daran. Als ich einst ins Rundfunk- Mikrofon sprach und daher stillstehen musste, zog mir die sechsjährige ‘Joschi’ von hinten den Hut weg, stupste mich auffordernd und knabberte, als nichts helfen wollte, ganz zart an meiner Schulter. Frau Griesbach hat nach dem Zusammenbruch 1945 mit Eifer und Geduld die einzeln verstreuten Araberpferde auggespürt und so dieses zur Zeit größte der 19 privaten Vollblut-Gestüte Westdeutschlands mit Blutliniern von Bábolna und Weil aufbauen können. Die 1949 in Frankfurt gegründete ‘Gesellschaft der Züchter und Freunde des arabischen Pferdes’ bezweckt, die deutsche Araberzucht zu fördern. Das Weiler staatliche Gestüt ist jetzt in Marbach am Neckar. Der Kopf des Vollblut-Arabers ist auffallend kurz und ’trocken’. Die fein behaarte Haut spannt sich straff über Knochen und Sehnen; keine Fleisch- und Fettpolster. Gewölbte Stirn. Kleine schmale Ohren, die hoch angesetzt sind und sehr beweglich. Fast eckige, weit geöffnete Nüstern mit hellroter Innentönung. Ungewöhnlich große, weit auseinander stehende, herrlich leuchtende Augenkugeln. Langer, leicht gebogener Hals, breite Brust, ausgeprägter Widerrist und kurzer Rücken. Zierliche, aber kräftige Beine mit stahlharten Hufen. Stolz geschwungener und sehr üppiger Schweif.
*pic109 Die Mütter dieser acht Trakehner-Fohlen waren monatelang auf einem notvollen Track 1000 km nach Westen.
*pic110 ‘Wisznu’, arabisch aufgezäumt. Sprüht er nicht vor Temperament und Feuer! Gleich schrillt sein herrischer Hengstenruf.
*pic111 die 6jährige Schimmelstute ‘Joschi’ vom Arabergestüt Achental im Rechts-Galopp ist Dreitakt; das Bild zeigt den Bruchteil jenes Augenblicks, da lediglich der rechte Vorderfuß am Boden aufsetzt.