(p.82)Zum Abschluß des Nutzgeflügels – die mutigen, klugen Gänse! Sie haben bekanntlich vor Jahrhunderten das Römische Kapitol gerettet, durch ihre Wachsamkeit. Diese Tugend besitzen auch unsere heutigen Hausgänze. Mancher Bauer hält sich keinen Wachhund, weil seine Gänse bei jedem ungewohnten Geräusch in
(p.83)der Nacht Lärm machen und auch unter Tag alle fremden Hofbssucher schnatternd angehen. Ich liebe die Gänse (die lebenden, wohlverstanden) und bin froh, daß das abscheuliche Stopfen und Nudeln gesetzlich verboten ist. Bedenklich erscheint mir, die Gänse auch außer halb der Mauser zu rupfen, so daß sie im Winter nackt und blutig an Brust und Bach umherlaufen müssen. Aber wir Menschen schätzen eben nicht nur ihr Fleisch, sondern auch weiche Daunen in unseren Betten. Die Gänsefeder ist allerdings unmodern geworden. Wer denkt noch daran, daß Goethe sein vielbändiges Gesamtwerk mit zugespitzen Gänsekielen schrieb? Müßten wir unseren Füllhalter damit vertauschen, bekämen wir sicher eine ‘Gänsehaut’. Dennoch: ‘alberne’ Gans sollten wir nicht sagen; die Gans ist das klügste Nutzgeflügel. Sie schließt sich auch zärtlich uns Menschen an, wenn sie Gegenliebe findet. Professor Konrad Lorenz hat im Brustschrank öfters Gänse-Eier ausgebrütet, war dicht und allein bei den schlüpfenden Tieren.
(p.84)So sahen sie ihn zuerst, den Menschen; er wurde für die Gösselchen auf Lebensdauer die Verkörperung beider Eltern. Wenn immer Lorenz sich seinem Seengebiet nähert, kommen ausgewachsene Gänse freudig schnatternd herbei, folgen ihm treulich auf langen Spaziergängen im ‘Gänsemarsch’. Er ‘spricht’ die Gänsesprache, kann – ich durfte es miterleben – seine ‘Kinder’ durch Laute und Bewegungen zu allerlei Aktivität veranlassen: Futtersuche, Schutzsicherung, Abflug.
*pic083 der Ganter hält lebenslängliche Einehe; er ist Jahr um Jahr der sorgsam kühne Nachwuchs-Betreuer.