(p.166) Wir kommen nun zu wenig kleinen Haustieren, zu ‘Würmchen’. Doch sie haben eine lange und ruhmreiche Vergangenheit in der Gunst der Menschen; trotz aller technischen Erfindungen wird ihnen wohl auch die Zukunft stets eine hohe Wertschätzung bewahren. Fragt die Frauen nach dem unvergleichlichen Zauber der Naturseide! Die heute lebenden werden nichts anderes erwidern als ihre fernöstliche Schwester vor 4600 Jahren. Zu jener Zeit soll nämlich die chinesische Kaiserin Si-ling-chi den Wert des Raupen-Spinnfadens für uns Menschen entdeckt und die erst planmäßige Zucht unscheinbaren Seidenspinner eingerichtet haben. Darf ich noch ein wenig mehr von dieser Schmetterling- Vergangenheit erzählen? Seide heißt auf lateinisch sericum, genau verdeutscht ‘das Serische’. Der altgriechische Name der Chinesen ist merkwürdigerweise seres; ihr können wir getrost als Bezeichnung für die ‘Seidenleite’ gebrauchen, denn im Altchinesischen nannte man die Seider ‘sir’. Weder die frühen Griechen noch die Römer haben in den Mittelmeerländern Naturseide in Zuchtfarmen erzeugt. Nach dem Lamerschen ‘Wörterbuch der Antike’ wurden die Seidenstoffe für Kleider, Decken, Kissen und Vorhänge stets von China gekauft, zuerst im Handel über die dazwischenliegenden Völker von West nach Ost, dann auf einem großen Seigenmarkt nördlich des Himalaja. Dort trafen sich die westlichen Kaufleute mit den chinesischen ‘Fabrikanten’, und schließlich kam es zu einer direkten Seiden- Handelsverbindung großen Ausmaßes zwischen Rom und China. Die chinesischen Keiser erließen, um ihr Monopol zu wahren, ein besonders strenges Ausfuhrverbot für lebende Spinner-Schmetterlinge, -Eier und –Raupen; die Todesstrafe schreckte 3000 Jahre lang jeden Schmuggler an. Doch unter der Regierung des Cäsaren Justinianus sollen 555 n. Chr. zwei katholische Mönche, die nach China gepilgert waren, von dort eine Anzahl Maulbeerspinner-Eier in ihren ausgehöhlten Wanderstäben nach Konstantinopel gebracht haben. Nun begann in Italien und Frankreich die europäische Seidenstoff- Erzeugung. Offenbar wußten jene Mönche, dass Maulbeerbaumblätter das allein bekömmliche Futter für Seidenraupen sind. Glücklicherweise hat sich dieser
(p.167) ebenfalls aus China und Indien stammende Baum gut in Europa eingebürgert. Bei uns Deutschen kam die Seidenraupenzucht allerdings erst während des 18. Jahrhunderts zur wirklichen Entfalzung. Friedlich Willhelm 1. von Preußen ließ an den Festungswällen und auf allen Berliner Friedrich. erweiterte die Anlagen seiner Vorgänger. In Potsdam wurde nun aus bodenständig gezüchteter Seide Damast gewebt, und stolz berichtete der Preußenkönig 1775 an Voltaire, dass in seinem Land 10 000 Pfund Seide hergestellt worden seien. Leider ging der deutsche Seidenbau allmählich zurück; die Einfuhr von Naturseide aus dem Ausland wurde viel bequemer. 1930 kamen über 11⁄2 Millionen kg Rohseide und ungeheure Mengen fertiger Erzeugnisse über die Grenzen zu uns, während die einheimischen Züchter ihre Kokos nicht absetzen konnten. Es wäre zu hoffen, dass hier die Zukunft Wandel schafft. Trotz aller Vervollkommnung der Kunststoff-Fabrikate wird die leichte, zugleich sehr haltbare Naturseide nicht nur von der Bekleidungs- und Mode-Industrie, sondern auch für Chemie, Medizin und Technik gebraucht und geschätzt.
*pic 173 Das weißlich graue, plumpe Weibchen des ungefähr 2 cm langen Maulbeerspinners legt 4-500 Eier. Sie haben die Größe eines Mohnkorns und wiegen zusammen knapp 1 ⁄3 Gramm. Nach wenigen Tagen schlüpfen winzige Räupchen aus.
*pic 174 Diese Kokons lagerten zu lang, sind unbrauchbar für die Seidengewinnung. Ein scharfer Saft hat von innen her die Fadenwand aufgeweicht, und nun erscheint der fertige Schmetterling. Am Kopf sieht man die schwarzbewimperten Fühler. Mittig: diese jüngst geschlüpften Seidenraupen sind dunkel gefärbt und höchstens 3 mm lang. Hier raspeln und futtern sie erstmals an einem frischen Maulbeerblatt. Von nun an tun sie es 35 Tage und Nachte fast pausenlos.