(p.170) Ich habe mich anfänglich gefragt, weshalb die Raupen so ‘riesengroß’ werden; der Schmetterling selbst hat doch nur 2 cm Länge und ist mit geöffneten Flügeln knapp 4 cm breit. Aber wir werden gleich erfahren, was die Raupe leisten muss, was alles aus ihrem Körper herauskommt. Rings im Zuchtgestellt sind nun ‘Spinnhütten’ angebracht; trockene Zweige, dünne Holzstäbchen, zusammengeschnürte Strohbündel. Im Hintergrund hängen außerdem lange Streifen aus Faltpapier, - lauter Hilfsmittel, die der Raupe den Anfang des Einspinnens erleichtern sollen. Sie zieht zunächst kreuz und quer um solch einen Stützpunkt den lichten Faden, der aus den an der Unterlippe befindlichen Spinnwerkzeugen kommt. Dann hängt sie sich mit dem Hinterleib in ihre noch locker geflochtene Zelle und bewegt jetzt pausenlos den Kopf hin und her. Dadurch schlingt die Raupe den Seidenfaden – in Form einer liegenden ∞ - so lange rund um sich herum, bis der ganze Körper eingehüllt und der Kokon vollendet ist. Seltsam, dieser Kokon hat nur knapp die Größe eines länglichen Amseleis, und dennoch befindet sich in ihm die Raupe, die doch zu Beginn der Spinnarbeit 10 cm lang war, also wie mein Mittelfinger, und auch fast so dick! Ich sagte, das sei seltsam. Wie töricht! Drei Tage und drei Nächte lang quoll der Spinnsaft aus der Drüse; muss da die Spinnerin, die ja jetzt keinerlei Nahrung zu sich nimmt, nicht mit jeder Stunde magerer werden und zusammenschrumpfen? Dennoch geschieht vor unseren Augen ein Wunder. Ohne Riß oder Bruch, ohne Knoten bzw. Klebestelle gibt die Raupe einen Faden von 3-40000 m Länge von sich, damit ihr Larvenkörper in der selbstgeflochtenen Wiege zerfallen und sich zum Schmetterling verwenden kann. Ich schäme mich nicht, hier niederzuschreiben, dass ich manche Stunde ehrfürchtig vor diesem Schöpfungswunder stand. Wenn mein Ohr dicht am Kokom war, hörte ich trotz des Freßgeräusches der jungen Raupen auf den Nachbargestellen gerade noch ein leises Knistern. Es verriet mir, dass innerhalb des eiförmigen ‘Mumienschreins’ die Lebenskraft noch immer fleißig weiterwirkte. Aber einmal ist die Arbeit beendet. Wollte man neue Generationen von Maulbeerspinner- Schmetterlingen züchten, brauchte man nur die Kokons eine Woche lang völlig in Ruhe zu lassen. Dann würde von innen her ein scharfer Saft die Gespinstwand aufweichen: der Schmetterling käme ans Tageslicht, ein Weiblichen oder ein Mann. Paarung,
(p.175) Ablage von 4-500 Eiern und schon der Tod; in 6-7 Wochen wäre ein neuer Kreislauf vollendet. Aber keil Seidenraupen-Züchter legt Wert auf selbstgezogene Nachkommenschaft; er will die unverätzten, also tadellosen Kokons ernten, die je nach der Raupensorte grau, schneeweiß, grünlich, gold-gelb, ja leuchtend rot sind. er wirft deshalb die Kokons in kochendes Wasser, ein schneller, schmerzloser Puppen-Tod. (Man kann auch Dampf oder Heißluft verwenden.) Das lockere Außengespinst – die einstige Hängematte – wird entfernt. Wertvoll allein sind die festen Kokons, die, nach ihrer Güte sortiert, zur Weiterverarbeitung in die ‘Spinnfabrik’ gesandt werden. Eine vom Menschengeist konstruierte Maschine spult den hauchdünnen Faden ab, der trotz seiner Kilometerlänge knapp 4 Zehntel eines Gramms Gewicht auf der Mikrowaage anzeigt. Atmen wir tief, verbeugen wir uns wieder einmal vor der Größe der auch im Unscheinbaren wunderbar schaffenden Natur! Der Maulbeerschmetterling ist wirklich unscheinbar, kann mit seinen farbenprächtigen Verwandten aus der Tropenwelt nicht wetteifern. Er hat eine schmutzig weiße Farbtönung und graue Querlinien auf den Flügeln; die Fühler sind an den Kanten schwarz gefiedert. Wie stolz prunkt dagegen unser Nachtpfauenauge: es ist auch ein Spinner, doch nicht im entferntesten ein Meister!
*pic 177 Links: ein aufgeschnittener Seidenkokon. In ihm liegt rechts die 20 mm lange Puppe, links die zuletzt abgestreifte Raupenhaut. Rechts: der aus einem 30000 m langen Seidenfaden gesponnene Kokon, die Puppenhülle, ist hier locker aufgehängt in einer Astgabel.