(p.167, L15) Die Zucht von Seidenraupen ist weder schwierig noch teuer. Man braucht ein mittelgroßes Zimmer, das trocken und staubfrei sein muss, gut zu durchlüften und trotzdem peinlich abdichtbar gegen die tierischen Feinde der Seidenraupen: Mäuse, Ameisen, Spinnen und Wespen. Selbstverständlich kann man nur im Sommer züchten, nämlich solang man frische Maulbeerblätter bekommen. (Ich hörte allerdings vor kurzen, dass Fütterungsversuche mit den Blättern der Schwarzwurzeln günstig ausgefallen seien.) Bei uns in Deutschland entwickelt sich der Maulbeerbaum nicht schlechter als im übrigen Europa. Für Seidenraupen-Eier und fachmännische Betratung ist wohl die Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht in Celle am zuständigsten. Dort, in schönen Heidestadt Celle,
(p.169) aber auch bei privaten Züchtern, sah ich mich wiederholt und gründlich um; ich will nun versuchen, die Entstehung des wertvollen Seidenfadens zu schildern. Der Züchter erhält die Raupeneier in einer kleinen, flachen Pappschachtel; viele Hundert haben darin Platz, denn jedes ist nicht größer als ein Mohnkorn. Das geöffnete Kästchen wird im warmen Zimmer mit einem Mulltuch bedeckt, und schon nach kurzer Zeit schlüpfen die Räupchen aus, dunkle Strichlein, deren hinteres Ende ein Hornzäpfchen besitzt. Aber trotz oder wegen ihrer Winzigkeit haben die ‘Neugeborenen’ sogleich einen kaum vorstellbaren Appetit. Um ihn zu befriedigen, erhalten sie alle drei Stunden frische Maulbeerblätter, und nach wenigen Tagen bringt man die dann etwa 4 mm langen Tiere in den Zuchtraum. Dort sind Lattengestelle mit mehreren Stockwerken, so dass immer neue Futterbetten übereinander eingeschoben werden können. Bis zu 10 000 Raupen haben jetzt bequem Platz. Doch künftighin müssen fast täglich die ‘Nahrungswiesen’ vergrößert werden, jene stoffbespannten Holzrahmen, auf denen Blätter und kleine Zweige vom Maulbeerbaum ausgelegt sind. Überreste und Kot muss man dauernd wegnehmen: Reinlichkeit ist oberstes Gesetz. Auch hier drohen ansteckende Krankheiten und tödliche Seuchen. Wenn die Räuplein gesund sind, futtern sie immerzu, bis auf kurze Schafpausen. Mann hört im Zuchtraum fast ununterbrochen ein fein sägendes Geräusch, ein Rieseln und Schaben: die Raspelarbeit der Keifer. Kein Wunder, dass der Raupen-Umfang zunimmt; das Kleid passt längst nicht mehr, und bedauerlicherweise hat es keine Dehnungsmöglichkeit. Man möchte aus der Haut fahren – man tut es auch! Viermal häutet sich die Seidenrappe während der ersten 35 Tage ihres Lebens. Dabei verfärbt sie sich vom Dunklen ins Halle, wird perlgrau, bräunlich, gelb oder weiß, je nach der Rasse. Bei uns sah ich meist wächsern gefärbte Raupen im ausgereiften Zustand. Zwischen der 5. und 6. Woche ist die Entwicklung abgeschlossen. Welch eine Entwicklung! Alles hat sich vervielfacht, Körperlänge und –dicke! Von den 2 mm beim Schlüpfen wuchs die Raupe auf beinahe 10 cm. Aber nun endet mit einem Schlag jede Nahrungsaufnahme. Ein neues, das entscheidende Stadium beginnt: die Verpuppung.
*pic 175 Diese Kokons lagerten zu lang, sind unbrauchbar für die Seidengewinnung. Ein scharfer Saft hat von innen her die Fadenwand aufgeweicht, und nun erscheint der fertige Schmetterling. Am Kopf sieht man die schwarzbewimperten Fühler. Mittig: diese jüngst geschlüpften Seidenraupen sind dunkel gefärbt und höchstens 3 mm lang. Hier raspeln und futtern sie erstmals an einem frischen Maulbeerblatt. Von nun an tun sie es 35 Tage und Nachte fast pausenlos.
*pic 176 auf der linken Seite zeigt eine ausgewachsene Seidenraupe ihre Kiefer-Kraft.