(p.161) Wieso verschmelzen wir im eierlegenden Osterhasen zwei zoologisch ganz getrennte Begriffe: den Nager, also ein Säugetier, und das Hühner-Ei? Weil sich in ihnen beiden über Jahrtausende hinweg das Symbol der starken Fruchtbarkeit erhalten hat – von antiken Römertum zum nordischen Osterfest (das die Fruchtbarkeit eines jeden neuen Jahres einleitet) bis in unsere nüchterne, zugleich problem-geballte Atomzeit. Und weil auch unsere Kinder das weiche, lustig hoppelnde und mümmelnde, das männchenmachende Häschen lieben! Meine Stuttgarter Kindheit war ‘erfüllt’ von Haustieren; ich mochte sie alle, am meisten aber wohl meine ‘Stallhasen’. Sie . die bunten Kaninchen, waren mir von den Eltern zur alleinigen Betreuung anvertraut. Im Sommer trug ich sie an schulfreien Nachmittagen im rohrgeflochtenen Deckelkorb hinauf zum Bopserwald, wo sie an den besonnten Grashängen weiden konnten. Im Winter legte ich mich, wenn das Stallmisten fertig war, längelang zu ihnen ins frische Stroh. Sie schätzten das seht, kuschelten sich an mich, wurden plötzlich munter vergnügt, machten verzweckte Sprünge, sogar Purzelbäume, über meinen Bauch. Kein Morgen, da ich nicht die braunen, weißen und gefleckten ‘Häsle’ mit meinem Frühstücksbrötchen begrüßt hätte; manchmal begleitete mich ‘Peter’, der graugetigerte Werkstatt-Kater vom Hinterhaus. Niemand in unserer Familie hat sich um Rassenzucht bei den Kaninchen gekümmert; wir nutzen sie auch nicht, weder dass wir sie gegessen, noch ihr Fell verkauft hätten. Sie waren nur zu unserer Freunde in den Hausbezirk eingefügt; soweit ich die jungen Häschen nicht an meine Kameraden verschenken durfte, ist wohl die ganze Sippschaft allmählich an Alterschwäche gestorben. Woher stammen die Hauskaninchen-Rassen? Vom freilebenden Feldhasen gewiss nicht; er bringt ja fix und fertige Junge zur Welt, während meine neugeborenen Stallhasen bei der Geburt haarlos waren und blind. Genau so wie die Wildkaninchen, die sechsmal jährlich 4-12 Junge bekommen können. Der leider früh und tragisch verstorbene ‘Kulturhistoriker der Tiere’, Dr. Alfred Lehmann, erklärt in anschaulicher Weise die Karnickel- Vergangenheit: »Der Lündername ‘Spanien’ bedeutet ‘Küste der Klippschliefer. ’ Was das mit unseren Hauskaninchen zu tun hat? Es rollt ein langes Kapital im Gesamtgebiet der Kulturgeschichte auf, und gerade das ansprucheslose Kaninchen ist, so seltsam es klingt, für einige sprachliche Untersuchungen sehr geeignet. Die seefahrenden Phönizier entdeckten etwa um das Jahr 1000 vor unserer Zeitrechnung an den spanischen Küsten eine Menge kleiner Lebewesen, die sie für winzige Huftiere hielten, von der Art der bei den Phöniziern Klippschliefer.
(P,162) Deshalb nannten sie diesen Landstrich ‘i – sshepan - im’, was ‘Küste der Klippschliefer’ bedeutet. Den Römern klang dieses fremde Wort in ihren Ohren wie ‘Hispania’, daher der Name Spanien. Aber es waren gar keine Huftiere, die da ihre Röhrengänge in die Erde wühlten, sondern Nagetiere, die den Hasen ähnelten. Es waren Kaninchen, und die Römer nannten sie nunmehr ‘cuninulus’. Ein unterirdischer Wehrgang, der zum Zwecke der Befestigungen wie Kaninchenbau in die Erde gegraben wurde, erhielt von den Römern denselben Namen. Das lateinische cuniculus ist allmählich zum deutschen ‘Kaninchen’ geworden. Aber wenn Worte aus einer anderen Sprache übernommen werden, pflegt sie der Volksmund gern zu verbiegen, einmal, damit sie sich besser aussprechen lassen, zum anderen, damit man sich dabei etwas vorstellen kann. Das Wort cuniculus sagte den Nordländern nichts; doch es ‘kunig’. Also wurde das Tier ein ‘kleiner König’ genannt oder elsässischen und bergdeutschen Dialekt ‘Küngel’, im österreichischen ‘Kiniglhaas’, im Niederdeutschen ein Königshase. Im Russischen heißt es ‘korolek’ – ein kleiner Koról, gleich ‘König’.«
*pic 165/166 Ein kleines, dunkles Loh-Kaninchen, dan nein weißes mit schwarz gesäumten Augen. Unten: eine Chinchilla-Form, dann der anspruchslose weiße Wiener. Unten ein sehr langohriger, grauer Widder.