(p.156) Als ich, auf den Abflug aufgebäumter Pfauen wartend, längere Zeit still hinter meiner Filmkamera stand, erhielt ich fortgesetzt energische Püffe ins Kreuz: zwei schneeweiße Zicklein forderten mich so zum Spiel auf. Ich meine, die Ziegen hätten Sinn für Humor, für handgreifliche Scherze. Neugierig trollen sie zum nächstbesten Lebewesen heran, sei’s ein Mensch, ein Hund oder das Bock-Geschwister. Als Einleitung wird hell gemeckert und mit allen vieren gewippt, gleich darauf senkrecht in die Luft gesprungen. Schau nur, wie spitzbübisch und scheinheilig der Kopf zur Seite gedreht ist! Aber plötzlich erfolgt ein hervorragend gezielter Vorstoß. Der Schädel, mag er noch so kindhaft rund und klein sein, wird zum Rammklotz, der sogar einen Filmmann auf die Hosen setzen kann. Genug vom munteren Spiel, von Launen und Temperament! Die Ziege ist volkswirtschaftlich sehr nutzbringend. Ihre Milch hat hohen Nährwert, eignet sich gut zur Käse- Verarbeitung, schmeckt allerdings herb, besonders streng bei Stalltieren. Es gibt in Deutschland viele und äußerlich recht verschiedene Ziegenrassen: weiße, gemsfarbene und schwarze Landziegen, dazu die züchterisch begehrte weiße und die bunte ‘Deutsche Edelziege’, die hornlos ist und ein fast kuhmäßig großes, pralles Kugeleuter haben soll. Eine im Ziegenleistungsbuch eingetragene Edelziege gibt im Jahresdurchschnitt 1000 kg Milch mit 4,2 % Fettgehalt; den Weltrekord in dieser Hinsicht hält zur Zeit die Ziege Lotte B 3019 mit 2468 kg Milch in 1 Jahr. Neben ihrem Fleisch liefern uns Ziegen auch Pelze. Nach wie vor sehr begehrt ist das Fell der Zicklein, das kunstvoll verarbeitet
(p.157) und gefärbt wird in Richtung auf die Edelpelze von Skunks, Nerz, Zobel, Bisam, Hermelin u.a.; auch ‘Fohlenmäntel’ entstehen aus Ziegenfell. Dagegen kann man aus Ziegenhaar kaum eine wirklich gute Webwolle machen, höchstens vom langen Behang der Angoraziege, die zweimal im Jahr geschoren wird. Man verarbeitet die Ziegenhaare zu Pinseln und Bürsten, zu groben Teppichen; in früherer Zeit machte man daraus wohl auch Perücken. Die Ziegenhaut gibt ein sehr feines Leder, aus dem Handschuhe entstehen, Bucheinbände, die Oberteile unserer Schuhe. Die schlichte Ziegenhaut bekommt dann hochklingende Bezeichnungen: Glacé- und Chevreauleder, Maroquin, Saffianleder und Pergament. Der Ziegenbalg dient in manchen südlichen Ländern als Wasserbehälter; für viele afrikanische Negervölker ist die Ziege das wichtigste und bei einigen sogar das einzige Haustier, das dann als hohes Wertobjekt sorgfältig gehegt und von den sonst so arbeitsscheuen Männern persönlich auf die Weide geführt wird. Leider besteht in Deutschland häufig die Meinung, dass Ziegen keine Pflege brauchen und jeder noch so kleine, dunkle oder feuchte Stall gut genug für sie sei, selbst der Winkel im zugigen Bretterschuppen. Sorgsame Klauenbehandlung und gründliche Sauberkeit sind aber ebenso notwendig wie das reichliche und vielfältige Futter und die Freilandweide; eigentlich können die Ziegen im Stall überhaupt nicht zu voller Gesundheit und Leistungskraft kommen. In manchen Berggegenden sind sie vom Frühling bis zum Herbst ohne Wartung und als Selbstverpfleger draußen; man macht sie ortstreu durch die Anlage von häufig nachgefüllten Salzlecken. Es kommt auch vor, dass sich in solch ein freiweidendes Ziegenrudel Gemsen und Steinböcke einstellen; man erfährt erstaunlich häufig von Paarungen zwischen dem Steinwild der Alpen und den auf Berghöhe sömmernden Hausziegen. Tief verwurzelt in den Volkssagen, in der Mythologie und im Aberglauben ist der kinnbärtige, glühaugen-rollende, behörnte und stinkende Ziegenbock. Er soll mit Teufeln und Hexen im Bund sein. Man vermutet aber auch mancherlei Heilkräfte bei den Ziegen, weshalb der Bauer oft eine von ihnen mitten in den Kuh- oder Pferdestall einquartiert. Die alten Griechen sahen in der Ziege ein besonderes geeignetes Opfertier für ihre Götter; wer weiß, ob nicht schon aus jener Zeit unser Ausdruck ‘Sündenbock’ stammt, jenes Attribut des Schwächeren, der geopfert wird und so die Sünden der anderen abbüßt. Wir lernen bereits in der Schule, dass dem germanischen Gott Donar die Ziegen heilig waren; er , der Blitze-Schleuderer, fuhr auf einem Bock-Gespann. Im heidnischen Griechenland wurde allmählich der Große Pan zum listigen, flöteblasenden Hirtengott, den man sich mit Blochsfüßen, oft auch einem Ziegenbart und mit Bockshörnchen vorstellte. Die altägyptische Hauptstadt Mendes wurde zur ‘Ziegenstadt’; umhegt von einem nie mehr erreichten Kult thronte dort der ‘Bock von Mendes’. Welch ein Abstieg zum heute volkstümlichen Ausdruck ‘Ziegenpeter’ für jene mumps-Schwellung der Ohrspeicheldrüse, die dem daran Erkrankten vorübergehend ein tölpelhaftes Aussehen beschert. Packen wir den ‘Ziegenhainer’ und gehen davon!
*pic162 langgehörnte, braune Bergziegen,
*pic 163 Mutterglück und Mutterwachsamkeit, dazu die Neugier der Zwillings- Kinder.