P.126 Muss ich mit dem plötzlich aus unserem ‘Feld’ herauspreschenden Gegner mit? Wird er seine Pace bis ins Ziel hinein durchstehen? Oder halte ich besser mein Tempo, in der Hoffnung, der andere Reiter werde in der Geraden zu mir ‘zurückkommen’?« Betrachten wir das Bild 206: im Endkampf setzt der Jockei Vorlauff alle treibenden Hilfen trefflich ein, ohne das Pferd ‘vom Maul’ loszulassen. Denn er darf jetzt die ‘Stahlfeder’ nicht entspannen; er braucht ihre höchste behutsam sein Pferd mit der Peitsche am Hals, feuert es zum äußersten Kräfte-Einsatz an, holt aus ihm das ‘letzte Schnurrbarthaar’ heraus. Vielleicht noch charakterischer ist auf dem Bild 208 der ‘kleine’ Prinzinger an der Spitze des Feldes (nur mit einer ‘Briefmarke’ im Sattel). Der erst Fünfzehnjährige kann 45 kg reiten; er gehört schon heute zu jenen Jockeis, die eine große Zukunft
p.127 haben, weil sie imstande sind, allzeit ihre Pace zu beurteilen. Er weiß haargenau, wie schnell er reitet und ob das gewaltige Anfangstempo seinem Pferd zum Verhängnis wird oder dem nachfolgenden Rivalen. Just bei den schwierigsten Rennen müssen sich Pferd und Reiter zur Einheit zusammenfügen, zur körperlichen und zur Einheit der Willenskonzentration, zum Gleichklang der Seelen. Allzeit gilt das Wort des Freiherrn von Langen: »Reiter sein, heißt Selbstzucht üben und Achtung vor der Kreatur haben. Es ist unsportlich, vom Pferd zuviel, vom Reiter zuwenig zu verlangen.« Über die Hilfen, die der Reiter seinem Pferd geben kann und geben soll, damit es ihn begreift, sage ich nur andeutend, dass die wesentlichste, die treibende Hilfe vom Reiterschenkel kommt, und dass die unterstützenden Gewichtsverlegungen erst an zweiter Stelle rangieren. Es gibt auch Zügelhilfen, die aber nicht überschätzt werden sollen. Die richtige, die harmonische Abstimmung aller drei Hilfen muss der Reiter im Gefühl haben. Und was die Strafen anbelangt, so halte ich mich an Xenonphons Mahnung vor nun fast 2500 Jahren: »Willst Du mit der Schönheit und dem guten Gerittensein Deines Rosses Aufsehen erregen, so gelingt Dir das nicht durch Reißen im Maul, durch Spornieren oder durch Peitschenschläge.« Geduld und Liebe sind die besten Hilfen; die verständnisvolle Kameradschaft kommt dazu. Kurt Hasse, der Unvergessene, schrieb von der Front über seine Stute ‘Tora’: »Ihre Treue, Härte und Zuverlässigkeit verpflichten mich zu tiefstem Dank. Mein Werdegang wurde durch diese Wunderpferd entscheidend beeinflusst.« Dass die Trense die einfachste Form der Zäumung ist, weiß wohl jedermann. Mit ihr kann auch der unerfahrene Reiter wenig Schaden anrichten. Die hebelartige Kandare ist wesentlich wirksamer, und ich gestehe, dass sie mir, dem Tierfreund, lange Zeit höchst unsympathisch war. Rudolf G. Binbing hat mich aber in vielen Gesprächen davon überzeugt, dass die Kandare, vom Könner gebraucht, zur wohltuenden Stütze werden kann. Er rühmte das ‘wunderbar zarte Spiel und Gegenspiel von Menschenhand und Pferdelippe’. Ihn, den Reiter-Dichter, will ich noch einige Male zitieren, wenn wir jetzt die 3 natürlichen Gangarten des Pferdes betrachten: zuerst den Schritt, der auf Asphalt oder Steinpflaster als Viertakt hörbar ist. Binding nennt diese Gangart »die Bewegung der Gelassenheit, ausgreifend, ruhig und dennoch schnell. Ein Mensch zu Fuß kann sehr rasch außer Atem kommen, will er auch nur das Viertel einer Stunde an des Reiters Seite bleiben.« Trab ist Zweitakt. Dabei erhebt sich jeweils ein diagonales Beinpaar zugleich, während beim Passgang der Elefanten und Kamele das Vorder- und Hinterbein derselben Seite vom Boden hochgehoben wird. Den Galopp mit seinem Dreitakt nennt der Fachmann die natürlichste Bewegung des Pferdes. Binding: »Galopp sei Dir immer das Höchste. Gang der Erhebung und der anmutigen Senkung, majestätisch und schmiegsam.« Bei der Hohen Schule gibt es auch künstliche Gangarten ‘auf und über der Erde’, die aber im Spiel der Fohlen ihren Ursprung haben.
*pic 126 Das Pferd springt sehr gut; aber das Reiter sitzt nicht gefestigt genug.
*pic 127 'Semper idem’ und ‘Bolero’ fliegen, bis zum Äußersten gestreckt, über den Tribünensprung. Beide Pferde spitzen die Ohren. Ihre Augen erspähen Landepunkt. Ja, sie blicken bereits nach vorn zum nächsten Hindernis.