(p.95 last)Flicht irgendwohin und erster Lebensirrtum: man kommt an eine schon besetzte Mutter. Ich bilde mir ein, das Mienenspiel des Fohlens genau und richtig gedeutet zu haben: Verwunderung, Ratlosigkeit, neue Fluchtgedanken, jähe Versammlung und endlich der einzig nützende Entschluss. Unser viertätiges Bürschlein stellt den Kopf waagrecht nach vorn und sendet einen Hilferuf ins All, langgezogen und schrill. Noch ehe der Schrei verklungen ist, kommt von der ’echten’ Mutter die Antwort, ein kurzes, wegweisen des Signal, das den Sohn im Galopp zur ’nahrungsspendenden Heimat’ lotst.
(p.97)Ich habe vielerlei im Fohlenparadies erlebt und auch gefilmt. Schweren Herzens musste ich Ende Mai fort, während die Fohlen und ihre Mütter dort bleiben konnten bis tief in den Herbst, bei Tag und Nacht. Diese Kehdinger Braunen, Schimmel-, Fuchs- und Rapp-Stuten sind trotzdem keine Luxusgeschöpfe. Außerhalb der Abfohlzeit arbeiten sie unermüdlich in der Landwirtschaft, in kleinen und mittleren Bauernbetrieben. Es handelt sich um jene gute, ländliche Warmblutzucht, die unentbehrlich ist für uns Menschen. Unentbehrlich? Auch heute noch? Wurde inzwischen nicht die Prophezeiung zur Wirklichkeit, die Heinrich Heine vor rund 120 Jahren schrieb:
Bedroht ist das ganze Pferdegeschlecht von schrecklichen Schicksalsschlägen. Obgleich ein Schimmel, schau ich jedoch einer schwarzen Zukunft entgegen. Uns Pferde tötet die Konkurrenz Von diesen Dampfmaschinen – zum Reiten, zum Fahren wird sich der Mensch des eisernen Viehes bedienen.
Heinrich Heines Gedicht zielt auf die damals (1835) in Deutschland neue Dampf-Eisenbahn. Heute wird fast allgemeinen unser Straßenbild nicht mehr vom Pferd, sondern von Motor beherrscht. Viele Betriebe haben ihre vierbeinigen Helfer durch maschinelle Pferde-Stärken ersetzt. Die Folgen davon sind sinkende Pferdepreise, eine allgemeine Absatz-Stockung und die eingeschränkte Nachzucht. Ende 1954 gab es in der Deutschen Bundesrepublik 100 000 Pferde weniger als ausgangs 1953. Nur noch 28 400 Fohlen kamen zur Welt, 1⁄3 weniger als im Vorjahr. Auf einem der bayerischen Pferdemärkte wurde in diesem Jahr kein einziges Pferd angeboten, dafür eine Menge Trankroten. Und dennoch! Ich verneine den pessimistischen Ruf: »Das Pferd stirbt aus!« Noch ergab die amtliche Zählung für Dezember 1954 einen Bestand von
(p.98)1 Million 171 678 Pferden in Westdeutschlands Landwirtschaft und Gewerbe. Vertrauen wir auf die Pferdeliebe unseres Volks und darauf, dass die Rösser in manchem den Maschinen überlegen sind, rentabler dazu.
*pic098 Weiße Sommerwolken ziehen hoch am Himmel. Lebenslust erfüllt alle Kreatur; frei aller Pflicht traben die Rösser über den Wiesenhang.
*pic099 Eine Bauernstute mit Fohlen auf der Almweide im frühlingsprangenden Inntal.