(p.95)Sie unterbricht ihre Äsung, schau eine Weile hoch zum wilden Sohn. Was empfindet sie jetzt wohl: Verwunderung, Mutterglück, ein Erinnern an die eigene Jugend? Jedenfalls steht sie reglos wie ein Steinbild, senkt dann wieder den Kopf, rupft von neuem Gras und weiße Frühlingsblumen. Aber weil ich, der Liegende, von unten her in ihre Augen sehe, spüre ich immerzu die wachsame Zärtlichkeit. Plötzlich wippt im Stechtrab das Fohlen heran, schmiegt sich ausruhend an die mütterliche Flanke. Still ist die Welt im Sonnenschein. Nur das dicke, kurze Wollschwänchen zuckt ein wenig. Aber durch eine anmutige Drehung des Fohlenhalses kommt nun der Kopf unter den Leib der Stute: wieder schnuppern die Nüstern, tasten so der Wärme entlang und finden den Quell, schlürfen, saugen, trinken. Das rosarote Zünglein spielt um die schaumig weiße Muttermilch. Statt! Die Vorderbeine knicken ein, das hintere Paar folgt; man sitzt. Noch hält die Neugier das Köpfchen hoch; der am Stromufer spazierende Stroh ist doch so interessant, der schwarze Käfer dicht vor dem linken Huf auch und der Schmetterling auf dem Löwenzahn. Warum muhen die Kühe? Einerlei, das Schädelgebäude wird zu schwer. Sinkenlassen, langsam und weich an der Schulter entlang! Vielleicht kann man den Kopf auch eine Weile auf den Rücken legen. Unser Pferdesohn ist eingeschlafen. Er schnarcht sogar, legt sich seitwärts, streckt alle vier Beine, den Hals auch und den Kopf. Die Stute aber äst weiter, Schritt um Schritt, und als nach einer halben Stunde ihr Kind erwacht, mit dem rechten Auge blinzelt, ist in der Nähe nichts zu sehen als das grüne Gras. Unheimlich! Zu Wippbalken werden die Vorderläufe; Kopf und Brust federn hoch. Ein Huf kratzt die Nase, und suchend dreht sich von neuen das Jungtier. Links rechts, überall, doch weit entfernt, stehen große Pferde; wer soll sich da auskennen?
*pic096/097 Die Fohlenwolle löst sich; sie juckt. Man knabbert sich in allerlei Variationen.