(p.67)Längst wäre es an der Zeit, frohe Katzengeschichten zu erzählen; aber wir müsen unbedingt noch vom schwierigsten, brennendsten Katzenproblem sprechen, von der Not der heimat- und herrenlosen Katzen. Auch hier ist entscheidend die Verantwortung des Menschen gegenüber seinen Haustieren, die Aufsichtspflicht, die schon bei der Fortpflanzung, der starken und häufigen Katzenvermehrung einsetzt. Wir wissen alle Bescheid: zwei- oder gar dreimal im Jahr wird unser sonst so sanftes Kätzchen unruhig, drängt ins Freie, schreit nach dem Kater, bei Tag und Nacht. Unsere Nerven halten der Marter nicht stand.Türe auf; 8 wochen später sind 3-6 Katzenkinder da! Zunächst allegemeines Entzücken in der Familie; die Kätzchen sind süß, drollig und zeigen von Stunde zu Stunde mehr Temperament. Aber sie wachsen erstaunlich schnell, und plötzlich macht die Hausfrau ein sorgenvolles Gesicht. »Ich kann doch nicht auf die Dauer 6 große Katzen in unserer engen Wohnung halten.« Der Vater nickt und verfügt: »Los, Kinder! Sucht Abnehmer! Ihr habt doch so viele Freunde.« Leichtgesagt; die Erfüllung ist schwer. Man will ja überzeugt sein, daß jedes Tier nun ein wirklich gutes Plätzchen bekommt. Und selbst wenn es diesmal gelingt: nach einem halben Jahr ist ein neuer Katzensegen da. Jetzt wird der Hausherr energisch. »Diese Komödie muß aufhören. In eine ungewisse Zukunft will ich die Katzen nicht bringen; ich bin ein Tierfreund. Das nächste Mal werden die Jungen gleich getötet; in den ersten zwei Tagen kann man
(p.68)das verantworten.« Richtig. Aber ein Kätzchen sollte man dem Muttertier lassen; die Tötung der anderen muß schmerzlos sein.Auf keinen Fall darf man, was leider so häufig getan wird, neugeborene Kätzchen ins Wasser werfen. Sie haben (wie alle Säugetierjungen in diesem frühen Zustand) noch sehr unentwickelte Lungen, in die allmählich das Wasser eindringen kann. Stundenlang, vielleicht einen ganzen Tag, quälen sich die armen Kreaturen zu Tode. Der Tierarzt, an manchen Orten auch der Tierschutzverein, schläfert sie friedlich ein... JA, so handeln verantwortungsbewußte Katzenhalter. Wieviele Katzenwürfe bleiben jedoch sich selbst überlassen, hungern sich zwischen Scheune, Schuppen und Feld in die Geschlechtsreife, pflanzen sich fort und vermehren auch ihrerseits das Heer der streunenden, heimatlosen Katzen! Ich sagte ‘Heer’ , und vielleicht wäre diese Bezeichnung in früherer Zeit übertrieben gewesen. Seit dem Kriegsende aber und auch heute noch gibt es in den Ruinen, in den Trümmerbezirken unserer Städte, Tausende und Zehntausende solch jammervoller Kreaturen. Gewiß, da und dort bringen ihnen mitleidige Menschen Nahrung, nehmen die eine oder andere Katze sogar mit nach Hause; der Hauptbestand ist und bleibt auf das Durchwühlen von Abfall, auf zu fälliges Beutemachen angewiesen. Bei Nässe und Frost sterben viele; die noch eingermaßen Lebenskräftigen pflanzen sich fort – neue Elends-Generationen! Ich habe dieses tragische Los keineswegs übertrieben; es mußte so kraß geschildert werden, damit die Not, die auch zu einer Gefahr für unsere Volksgesundheit werden kann, in absehbarer Zeit endet. Unsentimentale Tierschützer der Tat, Katzenfreunde, Tierärzte, Forscher und Wissenschaftler sind zu der Überzeugung gekommen, daß es lediglich ein Mittel gibt: die Einschränkung der Nachkommenschaft. Deshalb ergeht an alle Katzenhalter die Bitte, nein, die Forderung der Humanität: Wenn Ihr nicht einwandfrei gute Abnehmer habt für Eure Jungtiere, dann laßt von jedem Wurf nur ein Katerchen am Leben. Zwischen dem 6. und 8. Monat soll es der Tierarzt kastrieren;
(p.69)der Eingriff ist ungefährich. Wer aber künftige Trächtigkeiten bei seiner Kätzen überhaupt verhindern will, möge von jener neuen Sterlisationsmethode Gebrauch machen, die im Gegensatz zur früheren schnell verläuft und ebenfalls gefahrlos ist. Katzenpfleger und Tierpsychologen versichern mir, daß die unfruchtbar gemachten Kätzinnen bei richtiger Haltung im Spieltenperament kaum nachlassen, dafür besonders anschmiegsam und häuslich sind. Die gleichen Erfahrungen machte ich übrigens mit jung kastrierten Katern, und zwar erfreulicherweise bis in ihr Alter.
*pic071 Der Kartäuserkater Blauli kurz vor dem spielerischen Angriff. Die Sonne verengt seine Pupillen zu dünnen Schlitzen.