(p.33)Ich bin fest davon überzeugt, daß wir damit unserem Hund nur Gutes erweisen. Wäre er noch ein Wolf, ein Schakal, müßte er sich weit strengeren Rudelgesetzen beugen. Ich behaupte sogar, daß sich die verwöhnten ‘Alles-Tun-Dürfer’ gar nicht wohl fühlen; im Gegensatz zur einzelgängerischen Katze brauchen die gesellig lebenden Hunde einen Rudelführer. Seien wir Hundehalter so konsequent gerecht wie draußen der Leitwolf; übertreffen wir ihn durch einsichtsvolle Güte und Duldsamkeit, wo immer wir’s uns leisten können! Denken wir aber daran, daß jedes Abgewöhnen von Untungenden sehr viel schwieriger ist als die richtige Erziehung schon in der Jugend. Übrigens, die Hunde- Erziehung beginnt am besten damit, daß sich der Mensch für den Umgang mit Hunden selber erzieht. Aus der altindischen Philosophie stammt das Wort: »Nur der Dumme prügelt seinen Hund.« Meine Senta wurde nie hart geschlagen; es gibt weit wirkungsvollere Strafen. Wir brüllten die Dogge auch nicht an. Das ungemein empfindsame Gehör der Hunde folgt auch halblaute Kommandos am besten, so wie es die geflüsterten Zärtlichkeiten fast ‘sichtbar’ genießt, andererseits auch eine zwar deutliche, in der Lautstärke jedoch gemäßigte Rüge durchaus mahnenden Vorwurf erkennt und beherzigt. Soll ich nun aufzählen, was für jeden Hund unerläßlich ist? Er muß draußen ’bei Fuß’ gehen, bis sein Herr ihn ’entläßt’; er muß auf Ruf oder Pfiff sogleich zurückkommen. Ein nicht verdorbener Hund lernt beides nach wenigen Übungen; wahrscheinlich ist’s ihm soger angeboren. Vieleicht läßt sich aus dieser Grund-Diszipliniertheit entwickeln: die Unterdrückung des ursprünglichen Jagd- und Hetztriebes, also der Überfall auf Hühner und Katzen, das Anspringen von Fußgängern, Radfahrern, Autos und Pferdefuhrwerken, das Streunen und Wildern.Man braucht dazu keinen berufsmäßigen Dressur; auch die Untugend des anhaltenden Bellens in der meschenleeren Wohnung kommt bei richtiger Welpen-Behandlung kaum auf.Nötig sind allerdings Geduld und Selbstbeherrschung auf der Menschenseite. Jeder Tierhalter trägt die Verantwortung vor sich und vor dem Gesetz; er muß seine Aufsichtspflicht erfüllen, und er haftet für jeden entstandenen Schaden. Die durch Appell-Erziehung gesteigerte Anhänglichkeit macht unseren Hund zum zulässigen Beschützer von Leib uund Gut der Familie; auch hier bedarf es kaum einer Abrichtung durch Fachdresseure. Dagegen sind diese meist unentbehrlich, wenn man von seinem Hund schwierige Sonderleistungen verlangt; ich lehne die Ausbilder keineswegs ab, soweit die nicht mit quälerischer Gewalt arbeiten. Doch nachdrücklichst muß gegen eine leider gerade in
(p.34)Deutschland allgemein geübte Mode-Torheit protestiert werden, gegen das Kupieren der Ohren und Schwänze verschiedener Hunderassen. Ich sprach viele Tierärzte: keiner bestand aus medizinischen Gründen darauf; fast jeder war mit der Überzeugung, daß die Nachbehandlung der gestutzen Ohren eine große Qual für das Tier ist. Nur weil in unserer Einbildung der Hund dadurch ’schöner’ wird, plagen wir ihn wochenlang. Der Unfug wäre sofort abgestellt, wenn auf Ausstellungen keine Hunde mit künstlich verkrüppelten Ohren und Schwänzen prämiiert würden. Urgrund dieser Barbarei ist ein Erlaß von 1736, mit dem ein sächsischer Herzog anordnete, daß allen Haushunden seinerUntertanen zur Identifizierung der Schwanz, den Schäferhunden die Ohren und den Metzgerhunden beides abgeschnitten werde...
*pic030 Eine gestromte Dogge, leider mit kupierten Ohren.
*pic031 Ein fremder Rüde will mit der Hündin scherzen; sie beißt ihn ab. Im Hintergrund droht der ‘Gemahl’.