(p21)Es gibt auch heute noch viele ungelöste Fragen auf dem Gebiet der Haustierforschung, in zoologischer, vorgeschlichtlicher und völkerkundlicher Hinsicht. Aber Darwin, der manche Naturgesetzmäßigkeit klar und als Erster erkannte, behielt dennoch nicht recht, als er 1859 schrieb: »Über den Ursprung der meisten Haustiere wird man wohl immer im Unklaren bleiben. « Die gegenwärtige Forschung kann u.a.begründet aussagen, daß an der Wende der alten zur jüngeren Steinzeit die Haustierwerdung begann. Unverkennbare Spuren und Skelett-Teile offenbaren das erste Haustier, den Hund, der die Knochen der Jagtbeute des Menschen und die Abfälle an seinen Feuerstellen benagte.
(p.21Professor Antonius gibt hierfür ein Alter von 10 000 Jahren an; andere Forscher )kommen mit ihrer Zeitbestimmung bis zu 14, soger bis zu 18 Jahrtausanden. Auf jeden Fall sind unsere Haustiere ein recht junge Erscheinungsform, wenn man bedenkt, daß (wiederum nach Antonius) der Frühmensch Europas schon 1⁄2 Million Jahre zuvor im Besitz des Feuers war und sich aus Steinen Werkzeuge zurechtschlagen konnte. Als der Hund erst da und zum brauchbaren Haustier geworden war, gelang (wohl mit seiner Hilfe) dem Menschen die Zähmung jener anderen Großsäuger-Arten, die ebenfalls im Rudelverband lebten und deren soziale Bindungen also verhältnismäßig leicht auf den Menschen übertragen werden konnten: Schaf, Ziege, Rind und Schwein. Über die zeitliche Reihenfolge ihrer Haustierwerdung besteht noch keine wissenschftliche Einmütigkeit. Sicher ist, daß das Pferd viel später gezähmt wurde. In eimem Pharaonengrab der XVII. Dynastie (etwa 1600 v. Chr.) fand man ein einbalsamertes Pferd und den betonten Hinweis, diese Tierart sei bis dahin unbekannt gewesen. Als ältestes der geflügelten Haustiere Europas gilt die Gans; in der römischen Zeit kam die Ente dazu, auch das Kaninchen. Einige Angaben mehr mache ich bei der Betrachtung der einzelnen Haustiergruppen; hier muß erneut (s.S.9) betont werden, daß die Domestikation der Haustiere von mehreren und räumlich sehr entfernten Siedlungszentren der Erde ausging und daß – eben durch die Domestikazion, auch durch Kreuzungszucht und Bastardierungen mit Wildtieren – schon recht früh eine erstaunliche und offenbar vererbungsfähige Rassen-Aufspaltung einsetzte. Am deutlichsten zeigt es uns der Hund, dessen wilde Vorfahren Wölfe waren und Schakale. Jene Knochenreste, die man bei den Pfahlbau- Ausgrabungen bergen konnte, lassen auf Pinscher-Formen schließen, sind also bereits wesentlich verschieden vom Wolf. Die beginnende Bronzezeit überlieferte weit größere, Jagd – oder Schäferhund-ähnliche Rassen; möglich, daß sie – schon domestiziert – mit inszwischen zugewandereten, fremden Menschenvölkern in unsere Landschaft kamen. Nach den heutigen Erkenntnissen der Forscher kann und muß man 6 vorgeschichtliche Grundformen annehmen: die schon erwähnten Pfahlbauspitze oder Torhunde, die allmählich neben Spitz und Pinscher auch Terrier hervorbrachten, ferner den Bronzehund als Ausgangsform für Schäfer-, Hirten- und Treiberhunde. Unsere Doggenartigen stammen vom besonders kräftigen Lagerhund ab, der auf den großen nordischen Wolf deutet. Die Inostranzewi- Gruppe bildete unsere Schlittenhunde. Der Achenhund- Kreis brachte die Jagdhunde, und schließlich weisen unsere Windhunde zum Sonderkreis der Langkopfhunde. Fürwahr, der äußere Gestaltwandel der domestizierten Wolfs- und Schakal-Enkel ist erstaunlich – vom Malteserhündchen zur Riesendogge; aber die Wesensumformung bedeutet sehr viel mehr: aus einem heulenden, blutgierigen Nacht-Raubtier wurde der Beschützer des Hauses und der Herden, wurde ein Freund, der sich durch vielerlei Laute mitteilen kann. Und dennoch – heute wie in der Frühzeit steckt in jedem Haustier latent manche
(p.24)Wildtier-Eigenschft. Das erkennt man deutlich, wenn Haustiere sich zum Menschen entfernen: Pariahunde, verwilderte Katzen, Ziegen, Schweine. In diesem Zusammenhang kommt auch den Rückkreuzungsversuchen der Brüder Heck mit Tarpan und Urstier Bedeutung zu: lebendige ‘Spiegelbilder’ von ausgestorbenen Wildtieren. Der Auerochse selbst wird zwar nie mehr wiederkehren; doch zur Vielfalt unserer Haustiere, die wir nun näher betrachten wollen, fügen sich in der Zukunft gewiß noch allerlei neue Arten: Nutzgeschöpfe, Mitarbeiter, hoffentlich auch wohlbehütete Freunde des Menschen...
*pic016 Deutscher Schäferhund mit schweizerischen Kennzeichen: ein Meister im Lawinensuchdienst der Alpen!
*pic017-020 Stolz recken sich 3 erwachsene Pudel in Positur, als wüssten sie um ihre modische Schönheit. Doch am schönsten sind die naturhaft zottigen, weißen Kinder!