(p.14)Sprechen wir jetzt nicht von der pfleglichen Behandlung unser Haustiere: Sie ist einerseits das Gebot der Klugheit, denn nur gesunde Tiere nützen dem Menschen. Andererseits regelt das Deutsche Tierschutzgesetz den äußeren Pflichtkreis: »Es ist unter Strafe verboten, ein Tier in Haltung, Pflege oder Unterbringung derart zu vernachlässigen, daß es erhebliche Schmerzen oder erheblichen Schaden erleidet. Kein Tier darf unnötig zu Arbeitsleistungen verwendet werden, die offensichtlich seine Krafte übersteigen. Gebrechliche, kranke, abgetriebene oder alte Haustiere dürfen nur zum Zweck der alsbaldigen schmerzlosen Tötung veräußert und eigene Tiere nicht ausgesetzt werden. Es ist verboten, ein Tier unnötig zu quälen oder roh zu behandeln. « Wir Tierfreunde erkennen dankbar die Klarheit dieser und der übrigen Bestimmungen des Gesetzes. Aber mit dem Unterlasen des Negativen hat der Tierhalter noch lange nicht seine Verpflichtungen gegenüber den Haustieren erfüllt. Jedes Lebewesen braucht auch Lichtblicke in seinem Alltag, braucht Freude – um so mehr, je anstrengender es arbeiten muß. Wohl kein ernst zu nehmender Mensch der Gegenwart kann daran zweifeln, daß auch die Tiere beseelt sind. ‘Speis und Trank’, ein paar Ruhestunden im Stallwinkel genügen nicht.
(p.15)Gönnen wir unseren Mitgeschöpfen auch ein freundliches Tätscheln, ein aufmunterndes Lob! Störrisch und bösartig werden Haustiere (wenn sie nicht krank oder unnormal sind) nur durch falsche und seelenlose Behandlung. Gewiß wird es nie ohne lenkende, erzieherische und mahnende Strafen gehen, weder beim Haustier noch bei uns Menschen; aber dumm und feig ist das gewalttätige Prügeln bei den geringfügigsten Ursachen. Tiere haben ein feines Gefühl für Recht und Unrecht; nicht alle lassen sich fortdauernd mißhandeln, und niemand wundere sich über eine jähe Affekt-Reaktion von ihrer Seite. Der anständige Tierhalter muß Rücksicht nehmen auf die arteigenen Triebe der Wildform, die in seinen Haustieren noch immer wirksam sind. Jedes Tier hat zwar eine erfreulich große Fähigkeit, zu lernen, sich umzustellen; doch dazu ist allerlei Zeit nötig, denn es lernt nur aus der eigenen Erfahrung. Die Summe gleichartiger Erlebnisse bestimmt sein zukünftiges Verhalten; wenn das Haustier erst begriffen hat, was der Mensch von ihm will, folgt es mit Freude und gehorcht zuverlässig. Die lobende Menschenstimme erzeugt ein Lustgefühl; die mahnende, rügende, ruft Unbehagen hervor; das ist die Grundlage der Tier-Abrichtung. Man soll sich aber nicht einbilden, das Erziehen von Tieren sei leicht. Der Mensch braucht dazu vielerlei und sogar gegensätzliche Eigenschaften: Einfühlungsvermögen, gründliches Wissen, gütige Liebe und unnachgiebige Konsequenz, Geduld, auch die schnelle Umstellung im richtigen Augenblick.
*pic009 Der Schleierschwanz, eine nur noch dekorative Goldfisch-Überzüchtung’.